Spiegel unseres Körpers

Die Frau von Diabetes-Patient Martin hält seine Hand und sieht ihn aufmunternd an.

Unsere Augen und unser Gehirn vollbringen nicht nur wahre Wunder, damit wir unsere Umgebung in bunten Bildern wahrnehmen können. Augen können auch „sprechen“, wenn wir mit anderen allein über Blicke kommunizieren. Sie verraten aber auch einiges darüber, wie es uns geht – seelisch und körperlich. Mit einfachen Untersuchungsmethoden kann Ihr Augenarzt erkennen, ob und wie Ihre Augen von Diabetes betroffen sind. Der Blick in Ihre Augen kann ihm aber auch viel darüber verraten, was sich sonst so in Ihrem Körper abspielt.

Hinsehen und zum Augenarzt gehen

Ob und wann Folgeerkrankungen am Auge auftreten, hängt vom Diabetes-Typ und der Dauer des Diabetes ab [1]. Hauptrisikofaktoren für alle Folgeerkrankungen, auch für das Auftreten von Veränderungen im Auge, sind ein schlecht eingestellter Blutzucker und ein erhöhter Blutdruck [2]. Diabetes schädigt die kleinen Blutgefäße in der Netzhaut, es kann zu Durchblutungsstörungen und später zu Netzhautschwellungen kommen – beides beeinträchtigt nach und nach die Sehkraft.

Der beste Schutz ist, sowohl Blutzucker als auch Blutdruck in einem norm-nahen Bereich zu halten. Damit können Sie das Risiko für Komplikationen des Diabetes auch an Ihren Augen deutlich senken [3]. Es ist wichtig, dass Sie auf diese Risikofaktoren „ein Auge haben“ und regelmäßig Ihre Augen untersuchen lassen – auch, wenn Sie noch keine Veränderungen bemerken.

Handeln ist spätestens dann geboten, wenn Ihnen erste Veränderungen des Sehvermögens auffallen, etwa wenn Sie plötzlich unscharf oder „eingetrübt“ sehen, wenn Buchstaben verschwimmen oder verzerrt wirken, wenn Sie das Lesen zunehmend anstrengt oder wenn Lichter Sie eher blenden als früher.

Die Augen von Diabetes-Patient Martin werden durch den Augenarzt auf Netzhautschäden untersucht.

Untersuchungsmethoden

In der Regel kontrolliert der Arzt die Sehschärfe und führt eine Spaltlampenuntersuchung des vorderen Augenabschnitts durch. Außerdem untersucht er den Augenhintergrund, nachdem er die Pupille mit Hilfe von Augentropfen erweitert hat.

Wenn dies medizinisch notwendig ist, kann er zusätzlich den Augeninnendruck messen und die Durchblutung des Augenhintergrundes mit Hilfe der Fluoreszenzangiographie beurteilen. Bei der Fluoreszenzangiographie spritzt der Arzt dem Patienten ein Kontrastmittel in die Armvene, das in alle Gefäße strömt und nach zehn bis 15 Sekunden in die Netzhautgefäße gelangt. Mit einer Spezialkamera kann er am „Leuchtmuster“ des Augenhintergrundes erkennen, wie das Blut durch die Gefäße der Netzhaut fließt und ob irgendwo Blut oder Blutflüssigkeit austritt.

Mit einer Optischen Kohärenz-Tomographie (OCT) lässt sich zudem feststellen, ob sich Gewebeflüssigkeit in der Makula, der Stelle der Netzhaut mit der größten Dichte von Sehzellen, eingelagert hat (Makulaödem). Ähnlich wie bei einer Ultraschalluntersuchung zeigt diese Methode dem Augenarzt die einzelnen Netzhautschichten in einem Querschnitt. Er kann dadurch noch viel früher als mit dem bloßen Blick in Ihr Auge erkennen, ob Verdickungen und Flüssigkeitsansammlungen vorhanden sind.

Darüber hinaus geben dem Arzt die feinen Gefäße in der Netzhaut des Auges Auskunft über den allgemeinen Zustand der weiteren Gefäße in Ihrem Körper. Je nach Zustand kann der Arzt an ihnen die Gefahr eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts ablesen [4]. So kann der Blick ins Auge helfen, frühzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten. Das können Medikamente sein. Oft hilft es auch, seine Lebensweise anzupassen.

Grundsätzlich gilt: Vorbeugen ist die beste Medizin. Am besten ist eine optimale Therapie des Diabetes mit regelmäßigen ärztlichen Kontrollen – wie sie beispielsweise erfolgen, wenn man in ein sogenanntes Disease-Management-Programm (DMP) eingeschrieben ist.

Krankheiten „an den Augen ablesen“

Neben dem Diabetes können auch viele weitere Erkrankungen erste Auswirkungen in den Augen zeigen. So wie wir anderen Menschen die Stimmung „an den Augen ablesen“ können, kann der Arzt in den Augen Anzeichen für verschiedene Erkrankungen entdecken, etwa bei Migräne, Lebererkrankungen, einer Bindehautentzündung, Herpes, Erkrankungen des Blutes sowie bei Nieren-, Stoffwechsel- oder (rheumatischen) Autoimmunerkrankungen [5]. Das kann ein Grund mehr sein, sich regelmäßig von Ihrem Arzt in die Augen schauen zu lassen.

Für viele schöne Seh-Momente

Nutzen Sie die Chance! Verschließen Sie nicht die Augen, sondern handeln Sie rechtzeitig und gehen Sie, wenn Sie an Diabetes erkrankt sind, regelmäßig im Abstand von zwei Jahren zu einem Augenarzt. Bei Menschen mit erhöhtem Risiko oder bereits bestehenden Netzhautveränderungen ist es sogar sinnvoll, jedes Jahr oder häufiger die Augen untersuchen zu lassen.

Sie suchen einen Augenarzt? Auf der Homepage des „Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA)“ können Sie den nächstgelegenen Augenarzt finden.

Dr. Georg Spital (zuletzt aktualisiert am 29. Juni 2017)

Quellen

[1]Yau JW et al: Global prevalence and major risk factors of diabetic retinopathy. Diabetes Care (2012).
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3322721/ (zuletzt abgerufen am 1.12.2016)

[2]Lichtenauer UD et al: Die diabetischen Folgeerkrankungen. Mikro- und makroangiopathische Organschäden. Der Internist (2003).
http://rd.springer.com/article/10.1007/s00108-003-0996-3 (zuletzt abgerufen am 1.12.2016)

[3]Gemeinsamer Bundesausschuss: Anforderungen an strukturierte Behandlungsprogramme für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 und 2.
https://www.g-ba.de/downloads/40-268-600/2008-05-15-DMP-Dia1-Aktualisierung.pdf
https://www.g-ba.de/downloads/39-261-2466/2016-01-21_DMP-A-RL_Diabetes-Typ2_Anlage-1-u-8_BAnz.pdf
(zuletzt abgerufen am 1.12.2016)

[4]Göbel W: Hypertone Veränderungen des Fundus. Der Ophthalmologe (2013).
http://rd.springer.com/article/10.1007/s00347-013-2953-4 (zuletzt abgerufen am 1.12.2016)

[5]Eter N.: Das Fenster zur Gesundheit. Welche Krankheiten kann der Augenarzt am Auge erkennen?
http://www.aad.to/vollseite.php?jahreswahl=2012&presse_id=156 (zuletzt abgerufen am 1.12.2016)