Darüber sprechen

Beim Kartenspielen spricht Diabetes-Patient Martin am Wohnzimmertisch mit seiner Frau und seinem Sohn über seine nachlassende Sehkraft.

Sie sind selbst in der Situation, dass Ihre Augen nicht mehr so „können“ wie früher? Für viele Dinge, die Sie bislang wie selbstverständlich und allein erledigt haben, benötigen Sie nun Hilfe. Das ist sowohl für Sie, aber auch für die Menschen in Ihrem Umfeld eine große Herausforderung. Große Teile des Alltags müssen neu organisiert werden. Dabei kann schnell Frust entstehen: Zum einen bei Ihnen, weil Sie sich mal hilflos und abhängig, mal bevormundet fühlen. Zum anderen bei Ihren Angehörigen, die selbst nicht genau wissen, wie sie sich verhalten sollen. Helfe ich zu viel? Oder zu wenig? Bin ich zu ungeduldig?

Hier hilft ein offenes Gespräch über Sorgen und Ängste, über Wünsche und Bedürfnisse, über das Machbare, aber auch über die Grenzen des Leistbaren.

Die Diagnose einer Seheinschränkung möchte man zunächst nicht wahrhaben. Und darüber mit anderen sprechen? Das kostet Überwindung. Und Kraft. Die Angst davor, wie sich das Leben nun verändert, kann einem jegliche Energie rauben.

Dieses Schamgefühl, wenn man etwas nicht lesen kann und um Hilfe bitten muss. Wenn man den Nachbarn nicht erkannt hat. Wenn man seinen Job nicht mehr wie gewohnt ausüben kann und Angst hat, dass dies auffällt und die Arbeitsstelle eventuell gefährdet ist. Mit diesen Gefühlen sind Sie nicht allein. So geht es vielen Betroffenen.

Diabetes-Patient Martin und seine Frau besprechen, wie sie gemeinsam mit Martin’s Sehproblemen umgehen können.

Auch wenn es zunächst schwierig für Sie ist, über Ihre Sehbehinderung zu sprechen. Es ist ein wichtiger Schritt. Denn nur so können Sie Missverständnisse und Konflikte vermeiden. Nur so ist ein respektvoller und wertschätzender Umgang miteinander möglich.

Wenn Sie es geschafft haben, sich einen „Ruck“ zu geben, werden Sie sich unglaublich erleichtert fühlen. Und Ihre Familie und Freunde auch. Mit gegenseitigem Vertrauen und Verständnis können Sie gemeinsam überlegen, wie Sie die neue Situation meistern. Dabei müssen beide Seiten lernen: Betroffene, Hilfe anzunehmen, wo sie nötig ist, aber auch abzulehnen, wenn sie sich in ihrer Selbständigkeit beschnitten fühlen. Und Angehörige, das richtige Maß an Hilfestellung zu finden, ohne den anderen zu bevormunden oder sich selbst aufzuopfern.

Diabetes-Patient Martin sitzt erleichtert im Kreis seiner Freunde, nachdem er ihnen von  seiner Sehbehinderung erzählt hat.

Tipp:

Viele Menschen mit einer Seheinschränkung fühlen sich auch psychisch stark belastet. Das kann dazu führen, dass sie Hilfe nicht annehmen, Beratung ablehnen oder Hilfsmittel nicht in den Alltag integrieren möchten, was die Belastung verstärkt. Ein Teufelskreis entsteht.

Für Gesunde und durch eine Sehbehinderung eingeschränkte Menschen gilt gleichermaßen, psychische Belastung frühzeitig zu erkennen – ein individuelles Coaching kann dabei helfen, damit besser umgehen.

Wenn Sie sich alleine fühlen und denken, dass die Lage aussichtslos ist oder Ihr Leben nun keinen Sinn mehr hat, scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine erste Anlaufstelle ist Ihr Hausarzt. Er kann Sie bei Bedarf zu einem Psychologen oder Psychotherapeuten überweisen.

Es gibt Psychotherapeuten, die sich auf die Beratung von Menschen mit Sehschädigung spezialisiert haben. Informationen finden Sie beispielsweise auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV).

Christoph Granrath (zuletzt aktualisiert am 29. Juni 2017)